Überflüssiger als der Flughafen BER, umstrittener als Stuttgart S 21: Das Berliner Schloss mit dem Humboldtforum! Wir sind eine Initiative gegen das Stadtschloss Berlin und fordern ein Moratorium.

Wolfgang Pehnt

1200 Räume für eine pädagogische Groteske

Wolfgang Pehnt„Dagegen, aus Respekt“

 

Aber das Fragwürdige einer Rekonstruktion liegt auch in dem Gedanken, dass hier, am zentralen Ort der größten deutschen Stadt, ein Bauwerk entstünde, dessen neue Existenz sich aus keiner realen Aufgabe herleitete. Es würde um des Scheines willen entstehen, als permanente Illustration und als Point de vue des Lindenkorsos. Allenfalls übte es die pädagogische Funktion eines überdimensionalen Lehrmittels aus, das zeigt, wie es einst gewesen ist. Natürlich fände sich für 1200 Räume, sofern sie denn als Raumhülsen überhaupt wiedererstünden, letzten Endes immer irgendeine Verwendung, sei es, dass der Außenminister und die Seinen geruhten, darin Platz zu nehmen, sei es, dass der Direktor des Deutschen Historischen Museums in seinem expansiven Drang sich auch noch des Schlosses als herrschaftlicher Filiale bemächtigte. Auch im nachkaiserlichen Schloss hatten sich bis zu seiner Zerstörung  die verschiedenartigsten Mieter und Institutionen eingenistet. Ein überzeugender Gebrauch wäre damit nicht gewährleistet. Die Advokaten der Rekonstruktion machen geltend, dass sich für historische Bauten immer das Problem der verträglichen Nutzung stelle. Das Groteske bestünde aber hier darin, dass man sich das Problem der angemessenen Zweckbestimmung mit einem Neubau (in historischer Fasson) überhaupt erst auflüde. Der Sinn des Bauens, für einen gegebenen Bedarf praktischer und ideeller Natur eine angemessene Form zu finden, würde ins Absurde verkehrt. Die Form ginge jedem Sinn voraus.    

 

aus dem Katalog zur Ausstellung „Das Schloss?“ des Fördervereins Berliner Stadtschloss

Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften

März 1993

mit freundlicher Genehmigung des Autors