Überflüssiger als der Flughafen BER, umstrittener als Stuttgart S 21: Das Berliner Schloss mit dem Humboldtforum! Wir sind eine Initiative gegen das Stadtschloss Berlin und fordern ein Moratorium.

500 Jahre Widerstand

“Das Schloss lag nicht in Berlin – Berlin war das Schloss”

sagte Wolf-Jobst Siedler vor zwanzig Jahren, stimmt das?

Im Folgenden ein geschichtlicher Schnelldurchlauf:

 

Zweifel nährt den Widerspruch, danach erwacht der Letzte Stand: der Widerstand.

Der 3. Stand umfasste nominell alle freien Bürger, manchenorts auch freie Bauern, weiß Wikipedia: An der Spitze der Ständepyramide standen die Fürsten und der König oder Kaiser bzw. bei den Geistlichen die Bischöfe und der Papst. Im dritten Stand dagegen war die große Mehrheit der Bevölkerung versammelt, die keine oder nur sehr begrenzte Herrschaftsrechte (z. B. gegenüber dem Gesinde) besaß. Das ständische System galt den Menschen des Mittelalters und der frühen Neuzeit als feste, von Gott gegebene Ordnung, in der jeder seinen unveränderlichen Platz hatte. Für den Adel und den dritten Stand galt, dass jeder in seinen Stand hineingeboren wurde. Ein Aufstieg war in der Regel nicht möglich. Verdienst oder Reichtum hatten kaum Einfluss auf die Ständezugehörigkeit…. Das ständische System ist ein statisches Gesellschaftsmodell.

Der Eiserne“ schreibt sich als „Eisenzahn“ in die Historie der Stadt Berlin ein: Friedrich II. von Brandenburg ist in den ersten Stand geboren und wird zunächst zum polnischen Thronfolger erzogen. Nach dem unerwarteten Tod der versprochenen polnischen Prinzessin mutiert er zum Melancholiker der Macht, erbt im Jahr 1437 mit seinem Bruder Friedrich dem Fetten die Herrschaft als Markgraf und Kurfürst über die sandigen märkischen Ländereien zwischen Sachsen und Polen, die seit der Schenkung durch Kaiser Karl den Großen seit fast achthundert Jahren von slawischen Stämmen bestellt werden. Die germanischen Suebenstämme hatten den öden Landstrich um Havel, Spree und Dahme in den poströmischen Jahrhunderten der Völkerwanderung verlassen, um sich weiter westlich am Oberrhein als Schwaben in das zweite nachchristliche Jahrtausend zu populieren.

Am Anfang der Kolonisierung Preußens steht ein jahrzehntelanges, grauenvolles Gemetzel, fast eine Ausrottung, vergleichbar der späteren Ausrottung der nordamerikanischen Indianer durch die europäischen Einwanderer. Zu beschönigen ist hier nichts, urteilt Sebastian Haffner über die Eroberung und Unterwerfung des Preußenlandes an der Weichsel durch den Deutschen Ritterorden (in Preußen ohne Legende): Die heidnischen Elb- und Oderslawen waren in der Kolonisierungsepoche ohne Zweifel in ihrer materiellen und kulturellen wie ihrer religiösen Zivilisation hinter ihren christlichen Kolonisatoren zurück gewesen; aber doch nicht so weit zurück, daß sie nicht assimilations- und entwicklungsfähig gewesen wären. Die heidnischen Preußen (oder Pruzzen) am Unterlauf der Weichsel dagegen waren in deutschen (und übrigens auch polnischen) Augen nicht rückständige Verwandte, sondern Wilde: ein fremdrassiges Volk ohne Schrift und ohne Zeitrechnung, mit einer Germanen wie Slawen gleich unverständlichen Sprache und mit Bräuchen, die ihren christlichen Nachbarn barbarisch vorkamen, wie Vielweiberei und Kindesaussetzung; dabei durchaus kriegerisch, zäh und tapfer. Wenn die christlichen Nachbarn als Missionare oder Kolonisatoren in Preußen auftraten, wie es vor dem Ritterorden schon erfolglos die Polen versucht hatten, konnte der Zusammenprall nur furchtbar sein.

Eisenzahns Vater aus dem Haus Hohenzollern hat bereits versucht, die Dominanz des eingesessenen Adels der Mark zu beschneiden, insbesondere der Quitzows und Putlitz, deren Vorväter mit dem Fürstenhaus der Askanier vom Harzrand her das slawisch-wendische Markland erobert haben und die ihre Existenz inzwischen auf zweifelhafte Weise sichern…. Raubritter unter der Führung der Herren Putlitz, Bredow, Quitzow und Rochow überfallen Städte und Dörfer, rauben Vieh von den Weiden, morden, schänden und brandschatzen und lassen das Fehdewesen ungehemmt sich ausbreiten, notiert die Preußen-Chronik im Jahr 1397 lakonisch. Wo Macht streitet, müssen die Beherrschten bluten.

Muss ich erwähnen, dass damals die Herrschenden als Eigentum betrachten, was auf den lehmigen, sandigen Ländereien wächst, Holz und Früchte, Tiere, Weiber und Kerle, die ohne Stand…. Leibeigenschaft ist die Lage oder Rechtstellung einer Person, die durch Gesetz, Gewohnheitsrecht oder Vereinbarung verpflichtet ist, auf einem einer anderen Person gehörenden Grundstück zu leben und zu arbeiten und dieser Person bestimmte entgeltliche oder unentgeltliche Dienste zu leisten, ohne ihre Stellung selbständig ändern zu können (Gesetz über den Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zu dem Zusatzübereinkommen vom 7. September 1956 über die Abschaffung der Sklaverei, des Sklavenhandels und sklavereiähnlicher Einrichtungen und Praktiken (BGBl. 1958 II S. 203 ff.).

Auch Leibeigenschaft wird durch Geburt begründet, aus dem Stand der Mutter. Bereits für die germanischen Stämme ist die Unterscheidung zwischen Freien und Unfreien überliefert, entstanden durch Kriegsgefangenschaft, Unterdrückung oder freiwillige Ergebung, weitergegeben durch Geburt und Verheiratung. Mit dem Verfall der Geldwirtschaft im frühen Mittelalter haben viele freie Bauern ihr Land an Adelshäuser und Kloster verschenkt oder verkauft, um den ständig drohenden Kriegsverpflichtungen zu entgehen.

Die Wurzeln der preußischen Geschichte skizziert Haffner kurz: Die älteste – nennen wir sie die Urgeschichte Preußens – ist Kolonialgeschichte; die Geschichte von Gründung, Blüte und Verfall zweier deutscher Kolonien, der Askanierkolonie in Brandenburg und der Ordenskolonie in Preußen. Diese Geschichte beginnt im 12. und 13. Jahrhundert und geht im 14. und 15. Jahrhundert zu Ende, ohne daß auch nur der Schimmer eines Ausblicks auf den künftigen Großstaat Preußen am Horizont zusehen wäre. Und doch ist diese Kolonialgeschichte der Ur- und Wurzelboden Preußens. Noch nicht der Staat, aber die für das spätere Preußen charakteristische Bevölkerungs- und Gesellschaftsstruktur formt sich schon hier und bleibt bis ins 20. Jahrhundert im wesentlichen erhalten, wie sie sich in dieser Urzeit formiert hat. (Preußen ohne Legende)

Eisenzahns Vater Friedrich I. war als Lohn für seine Gefolgschaft vom König des römisch-deutschen Reichs im Jahr 1411 zum Verwalter der Marken bestellt worden. Am 30. April 1415 übertrug der König ihm die erbliche Würde des Markgrafen und Kurfürsten, am 21. Oktober 1415 huldigten ihm die brandenburgischen Stände auf einem Landtag zu Berlin.

Als Residenz wählte er nicht die Chur- und Hauptstadt Brandenburg an der Havel, sondern die etwas jüngere Gründung Berlin neben Cölln an der Spree, die östlichste deutsch-slawische Grenzstadt. Der Name Berlin ist slawischen Ursprungs, während der Name Cölln vermutlich vom Rhein stammt, vielleicht eine Erinnerung an die Herkunft der Neuansiedler, die aus dem Rheinland, aus Westfalen und Niederfranken eingewandert waren und die erste Bürgerschaft nach dem Magdeburger Recht bildeten.

Die ersten urkundlichen Erwähnungen der beiden Orte zeigen bereits eine voll ausgebildete Stadt mit Propstei und Kaufmannschaft. Der 1237 als plebanus de colonia bezeichnete Geistliche Symeon ist 1244 praepositus de Berlin, 1247 praepositus de colonia juxta Berlin…..1251 besaß Berlin bereits Zollfreiheit, 1252 tagte dort ein Provinzialkapitel der Franziskaner…. Die ersten Anlagen der Landesherrschaft – ein großer Hofbesitz (aula) in Berlin, Klosterstr., Mühlen und Münze – zeigen bereits die Bedeutung. Einen Plan gibt erst 400 Jahre später, Merians Topographie 1652. Er läßt die mittelalterliche Stadt noch gut erkennen, das planmäßige Straßennetz und die räumliche Einheit. Der Mauerring umschloß die Doppelstadt, durch Türme und Weichhäuser verstärkt….(Quelle: Webseite Preussenweb)

Zwei Übergänge – Mühlendamm und Lange Brücke – leiteten den Verkehr zu den 5 Toren: südlich der Spree das Gertrauden (urspr. Teltower) und Köpenicker Tor, nördlich, das Spandauer, Georgen- (urspr. Oderberger) und Stralauer Tor. Der Aufstau durch den Damm in der Spree gab die Wasserkraft für die Mühlen und den Überfluß in die schützenden Stadtgräben. So muß die Schiffahrt »bi den molcndamm« umladen »von de Aversprew up de Nedersprew«. Der Größe entsprechend – Berlin 47 ha (1140 : 510 m); Cölln 23 ha (800 : 370 m) – besaß Berlin zwei Pfarrkirchen, St. Nikolai und St. Marien. Für Cölln reichte St. Petri aus. Beide Städte hatten Klöster, jeweils an der Mauer, Franziskaner (Klosterstr.) und Dominikaner (Brüderstr.). Dazu bestanden zwei Armenhöfe (Spitäler) mit Kapellen, Heiliggeist am Spandauer Tor und vor dem Oderberger Tor St. Georgen. (Quelle: Webseite Preussenweb).

Bald nachdem der Hohenzoller Friedrich I. im Jahr 1437 die Herrschaft über die Marken seinen Söhnen übertragen hat, teilen sich die Söhne den Herrschaftsbereich, Friedrich III. übernimmt die Altmark und Prignitz.

Friedrich II. nutzt die politischen Spannungen in der Doppelstadt an der Spree: Wohlhabende Familien der Berliner Fernhandelskaufleute regieren die Stadt durch einen Rat der Patrizier, aber Zünfte und Bürger fordern Beteiligung an den Räten in Berlin und Cölln. Kurfürst Friedrich II. unterstützt die bürgerliche Opposition und bricht die patrizische Union der Doppelstadt im Frühjahr 1442 auf, indem er den Ort mit sechshundert bewaffneten Reitern besetzt. Die neu eingesetzten Räte geloben zusammen mit den Viergewerken und den gemeinen Bürgern, keine Bündnisse mehr einzugehen, außerdem räumen sie dem Kurfürsten das Recht ein, die Ratswahl zu bestätigen, und schwören, ihm die Stadtschlüssel auf Verlangen jederzeit auszuliefern.

Bereits im Sommer setzen die Bürger der Doppelstadt die allzu fügsamen Räte ab und empören sich gegen die neuen Ansprüche des Landesherrn. Berlin und Cölln stehen gegen den Kurfürst und seine Amtsleute auf, was ihm Grund gibt, die Doppelstadt zu bestrafen: Er beschlagnahmt die größten städtischen Güter mit den ehemaligen Tempeldörfern Tempelhof, Rixdorf, Mariendorf und Marienfelde vor den Toren Berlins, entzieht der Doppelstadt verschiedene Rechte und zwingt die Stadt Cölln mit militärischer Gewalt, ihm einen Bauplatz für ein kurfürstliches Schloss an der nördlichen Stadtmauer und bei der Langen Brücke abzutreten.

Mauer und Graben von Cölln liefen vormals um den »Dom« (Kirche der Dominikaner) quer über das Schloßgelände zur Spree, weiß die Webseite Preussenweb.

An dieser Stelle muss die Cöllner Stadtmauer niedergerissen werden, damit im Jahr 1443 eine herrschaftliche Zwingburg errichtet werden kann. Hier liegt auch das Haus von Bernd Ryke, dem Bürgermeister, heißt es. Handwerker und Bürger der Doppelstadt üben sich im Widerstand, um ihre Autonomie zu erhalten…

Illegale Aneignungen durch den Kurfürsten Friedrich II. führten dazu, dass sein Richter verhaftet und aus seiner Kanzlei Urkunden, welche die Hoheitsrechte des Kurfürsten stützen konnten, entwendet oder vernichtet wurden. Der Höhepunkt des Berliner Unwillens war die Baustellenbesetzung im Jahre 1447, als die Ausmaße der Hohenzollernresidenz sichtbar wurden. Man vertrieb die Bauleute, umschloss das begonnene Gebäude mit einem Blockzaun und setzte es durch Aufziehen der Schleusen in den Stadtgräben unter Wasser. Kurfürst Friedrich II. sah sich einer Kraftprobe mit den Bürgern Berlins ausgesetzt. Vermittlungsversuche anderer Städte der Mark scheiterten, die Besetzung wurde mit Gewalt beendet, schreibt der Chefarchitekt des Palastes der Republik (Graffunder/Beerbaum: Der Palast der Republik)

Die erhoffte Unterstützung vom mittelmärkischen Städtebund oder von der Hanse bleibt aus, so eskaliert der Konflikt zwischen der Doppelstadt und dem Landesherrn nicht zu einem Waffengang. Aber vor dem landständischen Gericht, das der Kurfürst in Spandau einberuft, müssen sich Berlin und Cölln vor dem versammelten brandenburgischen Adel, den Ratsleuten von Frankfurt/Oder, Brandenburg, Spandau und anderen Städte dem Landesherrn offiziell unterwerfen.

Das neue Stadtwappen stellt den Berliner Bären auf allen Vieren dar, bezwungen durch den Adler Brandenburgs. Jeder Sieger schreibt die Geschichte um.

Der Berliner Unwille in den Jahren 1447/1448 geht in die Annalen einer denkbaren Geschichte des Letzten Standes ein, des Widerstands. Etwa dreihundert Berliner werden mit hohen Geldstrafen, Kerker und Verbannung gestraft, der Bürgermeister Bernd Ryke verliert nicht nur Haus und Stand, sondern durch die Verbannung als Hauptverantwortlicher seine Heimat und wird später in Sachsen angeblich durch Ritter des Kurfürsten ermordet.

Der Verlust der Selbständigkeit und die Niederlage durch die landesherrliche Gewalt hat nicht nur die stolze Bürgergemeinde von Berlin und Cölln tief getroffen, sondern war auch ein Ereignis, das über den lokalen und landesgeschichtlichen Rahmen hinaus nationalgeschichtliche Bedeutung erlangte. Es war der erste vollkommene Sieg des Fürstentums über das Bürgertum und führte auch in anderen Ländern des Reiches dazu, daß die Fürsten konsequent gegen die städtische Autonomie in ihren Territorien vorgingen. (Anneliese Schäfer-Junker auf Spreeinsel.de).

Der Eiserne hat seine Zwingburg am sensibelsten Punkt der selbstbewussten Stadtgesellschaft gegründet. Der Flussübergang wirkt als Katalysator der wirtschaftlichen Dynamik von Berlin und Cölln, aus den Raststätten, Staumärkten, Stapelhäusern und Niederlagen der reisenden und niedergelassenen Kaufleute ist eine Keimzelle freien, bürgerlichen Wohlstands erwachsen, die damals gut achttausend Menschen ernähren kann. Die kurfürstliche Präsenz an diesem Ort bedeutet eine nachhaltige Demütigung der mittelalterlichen Städtefreiheit, weiterhin auch Verluste von Einnahmen, die Markgraf Eisenzahn zukünftig für sich beansprucht. Wie eine hungrige Krebszelle nistet das Haus Hohenzollern an einem Hot Spot der überregionalen Verkehrswege, am Versammlungsort der märkischen Stände, am Haupt des mittelmärkischen Städtebundes in der wichtigen Handels- und Hansestadt, zu der sich Berlin seit dem Ende des 13. Jahrhunderts entwickelt hat.

Der Bau wurde im Eiltempo fortgesetzt und der Rohbau noch 1448 vollendet, schreiben Graffunder und Beerbaum.

Das Schloß wurde 1451 fertig. Der langgestreckte Bau links der Spree ruhte auf einem Feldsteinfundament, hatte drei Geschosse aus roten Backsteinen und bezog den Eckturm der Köllner Stadtmauer, den »Grünen Hut«, mit ein. Friedrich II. hat wiederholt in ihm Hof gehalten. Ein Hofgericht wurde eingerichtet, die Schloßkapelle zum Domstift erhoben. Das Hohe Haus, benachbarte und andere Grundstücke wurden als Burglehen und Freihäuser an Räte und Amtleute vergeben (Reinhard Nelke auf der Webseite Preussenweb).

Sie sind gekommen um zu bleiben.

Doch stellte Berlin darum noch keine feste Residenz dar. Eine ständige Hofhaltung im Köllner Schloß erfolgte erst seit 1470 unter dem Statthalter des meist abwesenden Kurfürsten, dem Markgrafen Johann Cicero. Dessen Hofhaltung war nicht großartig, eher kümmerlich. So war der Hof als Verbraucher für das Berliner Wirtschaftsleben weiterhin wenig interessant, resümiert Reinhard Nelke auf seiner Webseite Preussenweb: Auch gab es für Berliner Bürger keine Hof- und Kanzleistellen. Die Hohenzollern waren ihrer fränkischen Burggrafschaft Nürnberg und der Reichspolitik stärker verbunden als der Mark Brandenburg; fränkische Räte, Kanzleibeamte und Ritter bildeten den Hof und das Gefolge.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts erfolgt der verstärkte Ausbau Berlins zur Fürstenresidenz und zum Verwaltungszentrum des brandenburgischen Territorialstaates. Hundert Jahre nach der ersten Grundsteinlegung lässt der neue Kurfürst Joachim I. den Schlossbau fast vollständig durch eine neue, repräsentativere Residenz im Stil der Renaissance ersetzen. In seine Regierungszeit fällt auch der Bau des Jagdschlosses Grunewald, der ersten Schleuse im cöllnischen Stadtgraben und der Festung Spandau. Die Berliner Handelshäuser erleiden katastrophale Verluste, als der baulustige Landesherr bei seinem Tode eine unvorstellbare Verschuldung hinterlässt.

Im sechzehnten Jahrhundert erlangt der amtierende Brandenburgische Kurfürst mit viel Mühe die preußischen Ostgebiete als Lehen des polnischen Königs, damit ist ab 1568 eine Zusammenführung der Verwaltung von Ostpreußen und Brandenburg möglich, bis durch einen lang erwarteten Erbfall im Jahr 1618 ein Herrscher aus dem Haus Hohenzollern in Personalunion beide Länder regieren kann, dazu aber auch als Herzog von Pommern, Magdeburg und Cleve, Graf von der rheinischen Mark, Fürst von Minden und Fürst von Halberstadt jedem dieser Länder mit eigenen Gesetzen und Institutionen als Landesherr vorstehen muss.

Das Berliner Schlossensemble wird im sechzehnten Jahrhundert um den Apothekenflügel und ein viergeschossiges Quergebäude ergänzt, aber der Dreißigjährige Krieg schreibt eine deutliche Zäsur in die Jahresringe der Schlosserweiterung, der ebenfalls im Jahr 1618 beginnt

Der erste Stand entfesselt einen beispiellosen Streit um die Vorherrschaft in Europa zwischen spanischen und französischen, zwischen polnischen, schwedischen und dänischen, zwischen katholischen und protestantischen Landesherren. Gustav Adolf von Schweden zwingt Pommern, Mecklenburg, Brandenburg und Sachsen in ein Bündnis, das eine breite, blutige Spur bis nach Österreich zieht. Über Jahrzehnte verbeißen sich die Mächtigen des Kontinents in einen selbstmörderischen Kettenkrieg: „Der Krieg ernährt den Krieg“. Für die Feldzüge wird jedes Land geplündert, in dem die Kämpfe brennen. Schwerbewaffnete Heere und marodierende Söldner trieben Geld und Naturalleistungen ein, wo sie stehen, liegen oder marschieren.

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun,
Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.
klagt ein bekanntes Sonett von Andreas Gryphius.

Die Hohen Herren des ersten Standes treiben den Kontinent Europa in eine ruinöse Katastrophe. Von geschätzten siebzehn Millionen Einwohnern verlieren über vier Millionen ihr Leben, in einigen deutschen Regionen verliert jeder Dritte sein Leben. Erst 1648 enden die unzählbaren Kriegshandlungen auf dem Boden deutscher des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation mit dem Westfälischen Frieden.

In den Machtverwerfungen des Dreißigjährigen Krieges wächst ein neuer Kurfürst heran, geboren in Berlin, der mit unversöhnlichem Ehrgeiz, mit visionärer Großmannsucht den Krieg auf eigene Rechnung weiterführt, jederzeit bedacht auf die Erweiterung des eigenen, zersprengten Machtbereichs, stets zum Seitenwechsel bereit, ein gequälter Tyrann mit Sendungsbewusstsein: Unter Kurfürst Friedrich Wilhelm zieht der Krieg in jedes Haus, die Residenzstadt Berlin-Cölln wird zur Garnisonstadt. Der Kurfürst richtet ein stehendes Heer ein, 6.000 Mann stehen zunächst im Sold, davon sind 2.000 in Berlin stationiert, jeder Bürgerhaushalt hat ein bis zwei Soldaten Unterkunft geben. Wer vermögend ist, kann diese Pflicht abwenden, so verbleibt die Quartierspflicht bei den Ackerbürgern und Handwerkern. Nicht nur Lagerstatt, Feuer und Licht ist den Einquartierten zu gewähren, sondern auch Nahrung, wenn die überforderten Kriegskassen den Sold schuldig bleiben.

Zehn Jahre nach dem Westfälischen Friede beginnt der Kurfürst, die Doppelstadt zur Festung auszubauen. Die entschädigungslose Enteignung von Gärten und Grundstücken erregt heftige Empörung der Bürger, ebenso die Heranziehung zu Schanzarbeiten in den morastigen Spreeniederungen.

Einen langen, nie ablassenden Krieg führt der Kurfürst, den man seit dem Sieg über die Schweden 1675 nicht ohne Ironie „den Großen“ nennt, verbündet sich abwechselnd mit den alten Mächten Europas, baut ein Flotte, erwirbt eine afrikanische Kolonie, erreicht die Lösung Ostpreußens von der polnischen Krone, aber das Territorium seiner Herrschaft ist am Ende seiner Regentschaft nicht größer, sein Volk nicht glücklicher als zuvor.

Nichtsdestotrotz wächst die Bevölkerung der Doppelstadt, die am Ende des dreißigjährigen Krieges bei etwa 6.000 Einwohnern lag, durch Einquartierung, Aufbau der zentralisierten Verwaltung, Ansiedlung von Handwerkern und allgemeiner Zuwanderung auf 16.500 Menschen.

Mit der Straffung des Staates hielt eine erste Zentralbehörde im Berliner Schloß Einzug: das Generalkriegskommissariat, das die Verwaltung der Kontribution und der Akziseeinnahmen übernahm, die Versorgung der Armee überwachte und damit immer größere Teile des Wirtschaftslebens unter seine Regie bekam. Die Zahl der Beamten und Hofbediensteten wuchs, und das halbverfallene, im Dreißigjährigen Krieg oft unbewohnte Schloß wurde deshalb einer umfassenden Rekonstruktion unter Memhardts Leitung unterzogen. Holländische Bauleute und Künstler waren dabei in großer Zahl tätig. Ein Lustgarten nach holländischem Geschmack entstand. Die ganze Lebensweise des Hofes war bis hin zu den Möbeln und der Trinkschokolade von holländischem Einfluß geprägt. (Preussenweb)

Der Hof des preußisch-brandenburgischen Fürsten lässt sich täglich aus Amsterdam und Hamburg beliefern, die Erzeugnisse der Berliner Handwerkszünfte finden keine Abnahme bei den anspruchsvollen Beamten und Hofbediensteten. Das Steueraufkommen aus der Akzise ist offensichtlich für den Kurfürst und seine Leute sehr auskömmlich…: Als kombinierte Konsumtions- und Nahrungssteuer lag das Schwergewicht auf dem Lebensmittelverbrauch und auf Handwerks- und Tagelohnarbeit. Der durchgehende Handel wurde gar nicht und der Großhandel gering belastet…. Unruhen unter den Handwerkern und Tagelöhnern erzwangen jedoch dreimal die Einstellung der Akzise. Der Massenkonsum und die Gewerbe waren unverhältnismäßig hoch besteuert worden. (Preussenweb)

Weitere Einnahmequellen findet der geldhungrige Landesherr, indem er außerhalb des Berlin-Cöllner Stadtkerns Grundstücke in neu erschlossenen Quartieren gegen Erbzins vergibt. Die Neuansiedler sind von Kontributionen und Einquartierungen befreit.

Eine neue Stufe der politischen Machtakkumulation erreicht das Haus Hohenzollern um 1700: „Berlin wird König!“ Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg lässt sich im ostpreußischen Königsberg zum ersten König in Preußen krönen, in die Geschichte geht König Friedrich I. als verschwenderischer Barockherrscher ein, großzügiger Förderer der Kunst und der Wissenschaften, spendabler Bauherr und Begründer von „Spree-Athen“. Auf der Spree wartet seine Lustyacht Liburnica. Das Berliner Schloss muss jetzt ein Königsschloss werden, der Erneuerungsbau beginnt 1698, der Hofbildhauer Andreas Schlüter wird beauftragt, den Bau neu zu gestalten. Diese Aufgabe wird ihm entzogen, als der Umbau eines alten Wasserturms misslingt: der sogenannte Münzturm stürzt 1706 ein. Eosander von Göthe und Martin H. Böhme führen das Werk an der Residenz fort, groß wie zwei moderne Fussballfelder ist der neue Schlosskomplex, der 1716 vollendet wird, fünfundzwanzig Meter in die Höhe ragt und 1210 Räume zählt.

Der erste König in Preußen erlebt die Fertigstellung seiner imposanten Residenz nicht mehr. Die astronomische Verschuldung des Landeshaushalts bei seinem Tode 1713 zwingt seinen Nachfolger in einen bitteren Sanierungskurs: hohe Steuern, karger Lohn für die Beamten, karge Hofhaltung.

Und diese Tyrannei des Königs von Preußen, der er sich unterwarf, machte aus dem derbfrommen, biederen, polternden, im Grunde gutmütigen Mann selbst einen Tyrannen. Sie bringt das Treibende und Getriebene in seine Lebensäußerungen und seinen Regierungsstil, das Niezufriedene, Gewalttätige, Jähzornige, die wilden Drohgebärden, das Prügelregiment, die Ungeduld, das ewige „Cito! Citissimo!“ unter seinen Reskripten. Als irgendwelche Kriegs- oder Domänenräte gegen eine königliche Order Einwände machen, bricht dieser König von Preußen aus: „Die Leute wollen mich forcieren: Sie sollen nach meiner Pfeife danzen oder der Deuffel hole mir: ich lasse hängen und braten wie der Zar und tractiere sie wie Rebellen….. Ein Biedermann, den der Staatsdienst zum Wüterich macht. Das ist Friedrich Wilhelm I., so charakterisiert Haffner den Nachfolger, den man später den Soldatenkönig nennt. (Preußen ohne Legende)

Das Schloss hat nun seinen äußeren Umriss gefunden, der als schwerer, lastender Schatten in die kollektive Erinnerung an die preußischen Expansionsjahre zur Großmacht in Europa eingesunken ist: der Soldatenkönig rüstet sein Heer auf 83 000 Mann in Friedenszeiten, vier Fünftel der Staatseinnahmen verbraucht das Militär.

Jeder Neuansiedler ist willkommen, verordnet sind religiöse und konfessionelle Toleranz, alle Nationalitäten können Preußen werden, erfüllten sie nur ihre Staatsbürgerpflichten pünktlich…. In seinem Testament hinterlässt der Soldatenkönig die zynische Rechnung: „Ich wünschte, daß wir Provinzen genug besäßen, um 180 000 Mann, also 44 000 mehr als jetzt, zu unterhalten. Ich wünschte, daß nach Abzug aller Ausgaben ein jährlicher Überschuß von 5 Millionen erzielt würde… Diese 5 Millionen machen ungefähr die Kosten eines Feldzuges aus. Mit ihnen könnte man den Krieg aus eigenen Einkünften bestreiten, ohne in Geldverlegenheiten zu geraten und irgend jemandem zur Last zu fallen. In Friedenszeiten könnte diese Einnahme zu allen möglichen nützlichen Ausgaben für den Staat verwendet werden.“ (Preußen ohne Legende)
Frieden als Ausnahmesituation….

Sein Nachfolger raubt Schlesien, zerstört das Königreich Polen und gliedert ohne Skrupel polnische und österreichische Gebiete in seinen Herrschaftsbereich ein……. In den Kriegen Friedrich des Großen ist das Recht fast immer auf Seiten seiner Feinde. Und doch ist der Held dieser Kriege Friedrich, und sein Unrecht verblasst vor seinen Heldentaten. So ungerecht ist Geschichte manchmal, stellt Haffner fest (Preußen ohne Legende).

Das Berliner Schloss der Hohenzollern wird ab 1845 mit einer Kuppel gekrönt: Der Kuppelbau wurde im März 1848, genau 400 Jahre nach dem Berliner Unwillen, durch die revolutionären Kämpfe für einige Zeit unterbrochen. Man hatte gehört, dass die Aufständischen planten, die Holzkonstruktion des Kuppelbaues in Brand zu setzen. In Berlin war der Schlossplatz Ausgangspunkt der schweren Kämpfe des 18. März, nachdem Wilhelm I. befohlen hatte, die friedliche Massenversammlung vor dem Schlossportal mit Waffengewalt auseinander zu treiben. ( www.schlossplatz.net )

Als ein Hohenzollernprinz aus der süddeutschen Familienlinie im Jahr 1870 Ansprüche auf den spanischen Thron anmeldet, eröffnet der Ministerpräsident von Preußen als Kanzler des Norddeutschen Bundes durch eine gezielte Provokation den letzten Vorhang im Drama des Hauses Hohenzollern in Preußen. Widerstand erhebt sich aus Frankreich, weil zu erkennen ist, dass sich verschiedene deutsche Staaten unter der Führung Preußens zu einem neuen nationalen Bündnis finden wollen. Der französische Regent will der militärischen Vormachtstellung und dem Machtstreben Preußens und seiner Bündnispartner Grenzen setzen, der Interessenskonflikt kulminiert in einer Kriegserklärung Frankreichs an die deutschen Bündnispartner. Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 wird Frankreich vernichtend geschlagen. Im Spiegelsaal von Versailles wird der preußische König zum deutschen Kaiser gekrönt.

Ein halbes Jahrhundert steht das Haus Hohenzollern danach an der Spitze Preußens wie auch in der Verantwortung als Kaiser des Deutschen Reichs.

Ob der aufsässige Bürgermeister Bernhard Ryke das erste Opfer der preußischen Zwingburg war, ist nicht bekannt, zum blutigen Finale aber rief Kaiser Wilhelm II., der vom Balkon seiner Wohnung im 1. Stock des Schlosses im August des Jahres 1914 seine Untertanen an die Waffen schickte, verkündete er doch von hier: „Es muss denn das Schwert nun entscheiden…. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind …“ Diese Lüge eröffnete die Schlacht um Europa….

Die Einwohnerzahl der Stadtgemeinde Berlin hat im Jahr 1910 die Zwei-Millionen-Grenze überschritten: neun Millionen Soldaten verlieren in den vier Kriegsjahren ab 1914 ihr Leben, darunter zwei Millionen unter den Fahnen des Deutschen Kaisers. Die blutigen Auseinandersetzungen des Ersten Weltkriegs werden in Europa, im Nahen Osten, in Afrika, Ostasien und auf den Weltmeeren geführt und fordern je nach Schätzung insgesamt rund 17 Millionen Menschenleben.

Der Monarch wird zum Abdanken gezwungen, aber nicht zur Verantwortung gezogen.

Mit der Revolution 1918 wurde Preußen ein sozialdemokratisch regiertes Land, das durch den sog. Preußenschlag (v. Papen) mit dem Reich gleichgeschaltet und dann von den Nazis okkupiert wurde. Die Besatzungsmächte lösten dann 1947 den Preußischen Staat auf, da er angeblich der Hort des Militarismus und der deutschen Aggression war, so spröde wird im Preussenweb das Ende einer Ära skizziert.

Die Sprengung der baufälligen Schlossruine in Berlin erfolgt am 7. September 1950, veranlasst durch die Führungsspitze der Deutschen Demokratischen Republik, besonders befürwortet von Walter Ulbricht, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrates und ab 1950 Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, die Beräumung der Trümmer dauert bis zum April 1951.

Preußen musste nicht sein, schreibt Sebastian Haffner in Preußen ohne Legende. Die Welt konnte es entbehren. Es wollte sein. Niemand hatte dies kleine Land in den Kreis der europäischen Großmächte eingeladen. Es drängte sich auf, und es drängte sich ein. Aber wie es das ein halbes Jahrhundert lang schaffte – mit Geist, List, Frechheit, Tücke und Heroismus, das ist ein sehenswertes Schauspiel.

Gewalt taugt als Schauspiel nur für die oben auf den Rängen, möchte man ergänzen, nicht für die Kriegsgefangenen unten im blutgetränkten Circusrund.

So vergeht das preußische Haus Hohenzollern ungetröstet in den weiten, leeren Sandböden der armen, heimatlosen Märkischen Lande.

Die Überlebenden schreiben die Geschichte um.

Was tut man mit Greueln, wie wird man mit ihnen fertig? Aufrechnung hilft nicht weiter; Gedanken an Rache machen alles noch schlimmer. Irgendeiner muß die Seelengröße aufbringen, zu sagen: „Es ist genug.“ Daß sie dazu fähig gewesen sind, ist ein Ruhmestitel, den keiner den vertriebenen Preußen nehmen kann. Und wer will, kann die Nüchternheit, mit der sie, ohne einen Gedanken an Rache, bald auch ohne einen Gedanken an Rückkehr, sich im westlichen Deutschland heimisch und nützlich gemacht haben, eine preußische Nüchternheit nennen. Sie gibt der traurigen Geschichte von Preußens langem Sterben schließlich doch noch einen hellen Schlussakkord, schließt Haffners Preußen ohne Legende.

Sie machten das Schloss des gierigen Herrschergeschlechts dem Erdboden gleich und bauten eine neue Stadt.…. mit diesen Worten enden die glücklichen Märchen.